Die Legende vom Haus am See

Der Abend war still geworden in der Dämonen-Taverne.
Der Wind strich leise durch die Bäume des verwunschenen Waldes und nur das Knacken der letzten Holzscheite im Kamin war zu hören. Die Gäste waren längst auf ihre Zimmer gegangen oder hatten sich auf den Heimweg gemacht. Nur LivingEvil und der junge Oger saßen noch am Tisch.
Die Dämonenkatzen lagen zusammengerollt auf einer Decke neben dem Kamin und schnurrten leise im Schlaf. Der junge Oger nahm einen Schluck aus seinem Krug und sah LivingEvil neugierig an. „Du wolltest mir doch erzählen, was es mit dem Haus am See auf sich hat.“ LivingEvil schwieg einen Moment. Ihre roten Augen blickten in die Flammen des Kamins.
Dann begann sie zu erzählen.
„Es liegt tief im verwunschenen Wald“, sagte sie leise. „So tief, dass kaum jemand den Weg dorthin findet. Der Wald verändert seine Pfade ständig. Wer ohne Ziel hineingeht, läuft meist im Kreis… oder findet plötzlich wieder den Waldrand.“ „Aber wer mit einem starken Wunsch hineingeht… der findet manchmal den See.“ Der junge Oger rückte näher.
„Was für ein See?“
LivingEvil lächelte schwach. „Einen stillen.“
„Das Wasser ist so klar, dass man glaubt, der Himmel selbst läge darin. Nebel hängt über der Oberfläche und die Bäume ringsum sind uralt. So alt, dass selbst ich ihr Alter nicht kenne.“
„Und dort steht ein Haus.“
Der Oger blinzelte.
„Ein Haus?“
„Ja.“
„Ein kleines Haus aus dunklem Holz. Halb in einen Hügel gebaut. Moos wächst auf dem Dach und eine einzige Laterne brennt neben der Tür.“
Sie nahm einen Schluck aus ihrem Krug. „Doch das Haus ist nicht das Seltsame.“ „Das Seltsame ist… wer dort lebt.“ „Ein Geist?“ fragte der Oger. LivingEvil schüttelte den Kopf. „Älter.“ „Ein Dämon?“ „Älter.“ Der Oger kratzte sich am Kopf. „Was bleibt denn dann noch übrig?“
LivingEvil lächelte geheimnisvoll. „Ein Hüter.“ „Ein Wesen, das dort schon lebte, bevor die ersten Dörfer gebaut wurden. Bevor Menschen, Zwerge oder Elfen diese Länder besiedelten.“
Der junge Oger schluckte. „Und was macht dieser Hüter?“ LivingEvil sah zum Fenster hinaus, als könne sie den Wald sehen.
„Er hört zu.“ „Jeder, der den See erreicht, trägt einen Wunsch im Herzen.“ „Manche suchen Heilung." „Manche suchen Antworten.“ „Manche suchen Macht.“ Sie seufzte. „Und manche suchen einfach nur Hoffnung.“
„Und dann?“ fragte der Oger. „Dann geschieht etwas Seltsames.“ „Sobald man den See erreicht… wird alles still.“
- „Der Wald schweigt.“
- „Der Wind hört auf.“
- „Und der Hüter erscheint.“
Der junge Oger beugte sich vor. „Wie sieht er aus?“ LivingEvil zuckte leicht mit den Schultern. „Und dann?“ fragte der Oger. „Das ist das Merkwürdige.“ „Jeder sieht etwas anderes.“
„Manche sehen eine alte Frau." „Andere einen Mann aus Licht.“ „Manche behaupten, es sei nur ein Schatten gewesen.“ „Doch eines berichten alle gleich.“ Der Oger flüsterte: „Was denn?“
LivingEvil lächelte. „Er stellt nur eine einzige Frage.“ „Das ist das Merkwürdige.“ Der junge Oger hielt den Atem an. LivingEvil beugte sich leicht vor und sagte leise: „Was wünschst du dir… wirklich?“ Der Oger schluckte. „Und dann erfüllt er den Wunsch?“ LivingEil schüttelte langsam den Kopf. „Nicht ganz.“ „Denn viele Menschen glauben zu wissen, was sie wollen.“ „Doch nur wenige wissen, was sie wirklich brauchen.“
Sie sah ihn ernst an. „Der Hüter erkennt den Unterschied.“ Der junge Oger dachte einen Moment nach. „Aber die Leute im Dorf sagten, alle vergessen, was dort passiert ist.“
LivingEvil nickte. „Ja.“ „Denn wer den See verlässt… erinnert sich nur noch an seinen Wunsch.“ „Der Weg, das Haus, der Hüter – all das verschwindet aus der Erinnerung.“
„Doch der Wunsch… wird erfüllt.“ Der Oger sah sie mit großen Augen an. „Das ist ja unglaublich.“ LivingEvil lächelte nur. Nach einer Weile fragte der Oger vorsichtig: „Du warst dort… oder?“ LivingEvil schwieg.
Die Dämonenkatzen schnurrten leise. Das Feuer knisterte. Dann sagte sie ruhig: „Ja.“
Der Oger riss die Augen auf. „Und?“ „Was hast du dir gewünscht?“ LivingEvil stand auf, nahm ihren Krug und ging zum Fenster. Der Mond schien über dem verwunschenen Wald. Sie antwortete leise: „Damals wusste ich es selbst noch nicht.“
Der Oger runzelte die Stirn. „Und was ist dann passiert?“ LivingEvil lächelte. Ein geheimnisvolles, sehr altes Lächeln. „Der Hüter wusste es.“ Sie drehte sich um und sah in die warme Stube der Dämonen-Taverne. „Und deshalb gibt es diesen Ort.“ Der junge Oger blinzelte. Dann sah er sich langsam um.
- Die Tische.
- Den Kamin.
- Die schlafenden Dämonenkatzen.
- Und schließlich LivingEvil.
Seine Augen wurden groß. „Du meinst…“ LivingEvil hob einen Finger. „Pssst.“ Sie grinste.
„Manche Geschichten sind schöner, wenn sie ein kleines Geheimnis bleiben.“